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Zum Begriff der "Postmoderne"

Der Begriff Postmoderne ist Grundsatz- und Kampfbegriff einer breiten Debatte seit den 80er Jahren, die in sehr verschiedenen Bereichen geführt wird und "zu deren Hauptanliegen die Klärung der Frage gehört, was "postmodern" eigentlich bedeutet."i Die Postmoderne scheint alles mögliche zu umfassen, z.B. Verfall der Utopien und Ideologien, Kritik der Rationalität und Technologisierung, Kritik des Fortschrittsglaubens, Fragmentierung menschlicher Existenz und der Gesellschaft, die Zäsur, die das Ende der Epoche von Moderne und Aufklärung anzeigt, aber auch Beliebigkeit und Willkür.ii Die ernst zu nehmende Diskussion um diesen Begriff verlor durch seine Verwendung als Schlagwort der Feuilletons an Tiefe und wurde mitunter zum Synonym eines anything goes.iii Wolfgang Welsch hat in seinem Werk Unsere postmoderne Moderneiv verschiedene Diskussionen und Ansätze zusammengefasst und konnte durch den enormen publizistischen Erfolg dem Begriff im deutschen Sprachraum eine Kontur geben. Postmoderne Autoren sind für ihn folgende: Gianni Vattimo, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Jean Baudrillard, Richard Rorty, Shyla Benhabib, Hal Foster und Fredric Jameson. Es ist aber Jean-François Lyotard, der den Begriff der Postmoderne in Das postmoderne Wissen als erster in die Philosophie einführte. Im Anschluss an ihn konstruiert Welsch seine eigene Auffassung: "Postmoderne wird hier als Verfassung radikaler Pluralität verstanden. (...) Die Postmoderne ist diejenige geschichtliche Phase, in der radikale Pluralität als Grundverfassung der Gesellschaft real und anerkannt wird und in der daher plurale Sinn- und Aktionsmuster vordringlich, ja dominant und obligat werden."v Der Postmoderne ist dabei auch eine Pluralisierung der Vernunft eigen, an der sich besonders die Geister scheiden: Jürgen Habermas beispielsweise wirft den Vertretern der Postmoderne vor, eigentlich "Jungkonservative" zu sein, die das Ende der Moderne und damit auch der Aufklärung betreiben. Statt auf die Vernunft setzten sie auf "den Willen zur Macht oder die Souveränität, das Sein oder eine dionysische Kraft des Poetischen."vi Dagegen weist Welsch mit Lyotard entschieden darauf hin, dass die Postmoderne nicht das Ende der Moderne besagt: "Die Moderne geht konstitutiv und andauernd mit ihrer Postmoderne schwanger."vii Die Postmoderne sei eher eine Geisteshaltung, die die Werte der Aufklärung in Form radikaler Pluralität verwirklicht.

Matthias Schnell weist in seiner Dissertation,viii die eine umfassende Darstellung der Postmoderne-Diskussion präsentiert, darauf hin, dass Welsch nur die Denker rezipiert, die dem Strom der "Dekonstruktion" angehören. Damit blende dieser einen großen Teil der Postmoderne-Debatte aus, die unter dem Überbegriff "Holismus" arbeite und sich mit Namen wie Koslowski, Spaemann oder Hübner verbindet und die nicht ein auf Pluralismus, sondern auf Ganzheitlichkeit basierendes Theorem vertreten: "Diese beiden Konzepte von Postmoderne aber schließen sich gegenseitig aus."ix Schnell resümiert, dass über das Wesen der Postmoderne bisher im Grunde keine Einigung erzielt worden ist. Eben dies zeichnet sich auch in der Postmoderne-Debatte der Theologie ab, da hier recht Unterschiedlichesx mit diesem Begriff belegt wird: "Vorerst erscheint sie als eine Suchbewegung, die noch nicht genau weiß, worauf sie hinaus will. Es ist noch kein bestimmter Horizont erkennbar, dem man zustrebt."xi Schnell systematisiert die Ansätze in einem dreiteiligen Schema: Zum einen geht es um den christlichen Glauben im Verhältnis zur pluralistischen Gesellschaft und im Umgang mit innerkirchlichem und innertheologischem Pluralismus. Zum anderen nennt er Dekonstruktion, postliberale Theologie und Ästhetisierung der Religion, deren Vertreter besonders die Konsequenzen einer Anwendung der dekonstruktiven Theorie auf die theologische Sprache für das christliche Gottesverständnis diskutieren. Zuletzt beschreibt er die Position der ganzheitlichen Theologie, die wissenschaftliche Rationalität und religiöse Erfahrung miteinander versöhnen will.

Nachdem nun klar ist, daß es über den Begriff Postmoderne keine Klarheit gibt, stellt sich die Frage: Welchen Sinn hat es also von Postmoderne zu sprechen? Gibt es wenigstens einen kleinsten gemeinsamen Nenner der Postmoderne? "Wie immer man zum Begriff der Postmoderne steht - ob man ihn als für die Gegenwart erhellend ansieht oder als überflüssig und unsinnig ablehnt -, so ist eines jedoch in der Postmoderne-Diskussion unbestritten: daß sich nämlich gegenüber der frühen Neuzeit, der Aufklärung und den optimistischen, auf Fortschritt und Hoffnung angelegten Ideologien des 18. und 19. Jahrhunderts sowohl die intellektuelle Grundstimmung als auch die gesellschaftliche und kulturelle Situation in der westlichen Gesellschaften grundlegend verändert hat."xii Man könnte die "Postmoderne" als Antwort auf verschiedene Krisen der Moderne betrachten, so z.B. die Krise der Repräsentation, Krise der Geschichtsschreibung, die Krise der Ethik (vgl. Ward, Graham, Theology and Contemporary Critical Theory. Houndmills-Basingstoke-Hampshire-London: Macmillan Press (1996) 22000.) und nicht zuletzt die Krise des Subjekts. Insofern stellt sich diese "gegenwärtige kritische Theorie" in eine gedankliche Linie mit der "Dialektik der Aufklärung", auch wenn die These von der instrumentellen Vernunft im Detail ganz anderen Themen gewichen ist. Wenn man also von einer Gemeinsamkeit der "postmodernen" Philosophen sprechen kann, so nur in ihrer kritischen Haltung zu bestimmten Entwicklungen der Moderne.

Ein Konsens allerdings über eine Beschreibung, worin die "Moderne" und ihr gegenüber die "Postmoderne" bestehen, ist bisher nicht erreicht worden und die Hoffnung auf einen solchen Konsens schwindet zunehmend. "Postmodern"erhält die Rolle einer Chiffre, die kein erkennbares Profil besitzt, sondern eher als Dachbegriff für verschiedenste Ansätze verwendet wird. Gegenüber Welsch würde hier "Postmoderne" weniger für Pluralität stehen (allenfalls für die Pluralität des eigenen Konzepts), sondern mehr für den Ansatz bei den Bedingungen und Kontexten von Erfahrung, Wissen, Erkenntnis und Vernunft. Die Familienähnlichkeit von "postmodernen" Denkbewegungen ist im Bereich der Erkenntnistheorie zu suchen.


Fußnoten

i Meier, S., Postmoderne. In: HWPh VII. Basel 1989, 1141f.

ii Vgl. Olesen, Søren Gosvig, Die neuere französische Philosophie. In: Hügli, Anton/Lübcke, Poul (Hrsg.), Philosophie im 20. Jahrhundert. Band 1. Reinbek (1992) 31998, 561ff.

iii Vgl. Engelmann, Peter (Hrsg.), Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart 1990, 6f: "Postmoderne in ihrer durch schnelle Vermarktung verflachten Form ist ein leicht verständlicher Begriff, der alle Erwartungen erfüllt, die man in ein Schlagwort setzen kann, er bedient den Common sense."

iv Welsch, Wolfgang, Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 1987.

v Ders., 4f

vi Habermas, Jürgen, Die Moderne - ein unvollendetes Projekt. In: Welsch, Wolfgang (Hrsg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim 1988, 191.

vii Lyotard, Jean-François, Die Moderne redigieren. In: Welsch, Wolfgang (Hrsg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim 1988, 205.

viii Schnell, Matthias, Die Herausforderung der Postmoderne-Diskussion für die Theologie der Gegenwart. Tübingen 1994 (Dissertation).

ix Ders., 157.

x Zum Beispiel: Brown, David, Postmoderne. II. Systematisch-theologisch. In: TRE XXVII. Berlin-New York 1997?????, 87: Brown nennt drei Verwendungsweisen im theologischen Kontext: 1. Allgemein 2. Spezifisch für dekonstruktivistische Bewegung 3. Spezifisch für die Prozeßtheologie. Man kann nicht behaupten, daß diese Unterscheidung den Begriff scharf auf den Punkt bringt.

xi Höhn, Hans-Joachim, Das Erbe der Aufklärung: Beiträge zur Theorie der Moderne. In: Ders. (Hrsg.), Theologie, die an der Zeit ist: Entwicklungen, Positionen, Konsequenzen. Paderborn-München-Wien-Zürich 1992, 19.

xii Schnell, 154.

>> „Postmoderne Theologie“?