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Postmoderne Theologie?

„Postmoderne Theologie“ ist ambivalenter Begriff. Einerseits wird das Adjektiv „postmodern“ von deutschen Theologen gerne verwendet, wenn es darum geht, einen Gedanken als irrational, willkürlich oder auf billige Weise modisch zu kennzeichnen. Andererseits dient der Begriff als eine Sammelbezeichnung für eine spezifische Auseinandersetzung mit Denkern, die – ebenfalls ziemlich ungenau – unter dem interdisplinären Begriff der „Postmoderne“ verzeichnet wurden. Dazu zählen in der Philosophie vor allem Autoren wie Jean-François Lyotard, Jacques Derrida, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jean Baudrillard, Gianni Vattimo, Wolfgang Welsch, Zygmunt Bauman, Frederic Jameson, Jacques Lacan, Slavoj Zizek und sogar Emmanuel Lévinas und Robert Spaemann - um nur eine Auswahl zu nennen. Die große denkerische Spannbreite der Konzepte, die hinter diesen Namen stehen, lassen sich nicht in einem gemeinsamen Wort versammeln. Und insofern ist „Postmoderne“ von Anfang an das begriffliche Substitut für das Fehlen eines adäquaten Begriffs gewesen, was schon seine Form als Negation der Moderne, also als Nicht- oder Nach-Moderne aussagt.
Die katholische Theologie ist der kritischen Haltung zur Moderne lange verpflichtet gewesen. Doch wird eine „postmoderne Theologie“ nicht nahtlos an die Vormoderne anschließen können: der Weg zur Postmoderne geht notwendig durch die Moderne hindurch, als ein Redigieren der Moderne (Lyotard, Jean-François, Die Moderne redigieren. In: Welsch, Wolfgang (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim 1988, 204-214.). Eine Verteidigung der Errungenschaften der Aufklärung stemmt sich zurecht gegen eine zurückwandte Restauration. Verkannt werden jedoch dabei jene „Postmodernen“, die die „Dialektik der Aufklärung“ analysieren, in die eine rein „moderne“ Theologie hineingerät. Nach Marx, Freud und Nietzsche, als „Propheten der Postmoderne“ (Tracy, David, The Analogical Imagination. Christian Theology and the Culture of Pluralism. New York: Crossroad 1981, 346.), und die ihnen folgenden verschiedenen Hermeneutiken des Verdachts haben die Sicherheiten von einst erschüttert. Gebraucht wird eine angemessene Antwort der Theologie auf die radikale Dezentrierung der Wirklichkeit.
Nur die „achtenswerte Postmoderne“ verdient die Aufmerksamkeit der Theologie, doch diese um so intensiver. Dass dabei kein einheitliches theologisches Konzept entstehen wird, liegt in der Natur des Begriffs, wie oben skizziert. Es ist sinnvoll unterschiedliche Strömungen zu unterscheiden. Matthias Schnell sieht als erste Strömung diejenigen, die sich mit dem Pluralismus gegenwärtiger Gesellschaft auseinander setzen und diese als „postmodern“ klassifizieren. Weiterhin unterscheidet er zwischen einem postmodernen „Holismus“, der sich mit Namen Koslowski, Spaemann und Hübner verbindet, und den Denkern der Dekonstruktion. Sicherlich dominiert diese letzte Richtung die theologische Wahrnehmung der Postmoderne. Graham Ward unterscheidet außerdem zwischen liberaler und konservativer postmoderner Theologie (Ward, Graham, Postmodern Theology. In: Ford, David F. (Hg.), The Modern Theologians. An introduction to Christian theology in the twentieth century. Cambridge 1997, 585-601.). Während erstere die relativistischen, nihilistischen und linguistischen Axiome ungeschützt auf die Theologie anwendet und sie damit fremden Kriterien unterwirft, versucht die konservative postmoderne Theologie zu zeigen, welche religiösen und theologischen Fragen in postmodernem Denken aufgeworfen werden, und entwickelt Perspektiven im selbstbewußten Dialog mit „postmoderner Philosophie“. Sicherlich ist diese Intention vor allem in der englischen Bewegung Radical Orthodoxy aufgegriffen worden, der Ward von erster Stunde an zuzurechnen ist.
Eine bleibende Frage ist die Verhältnisbestimmung von Theologie und Postmoderne. Da die Postmoderne nicht als zeitlich abgrenzbare Epoche zu behandeln ist (mit Ausnahme der Architektur, wo die Epoche der Postmoderne bereits wieder abgelaufen ist), sondern mehr als ein dialektisches Moment an der Moderne selbst, kann nicht einfach eine zeitliche Zuordnung gewählt werden, also „Theologie in der Postmoderne“. Da die Zusammenstellungen „Postmoderne in der Theologie“ zu unterbestimmt bleibt und „Theologie der Postmoderne“ vielleicht doch einen zu weitgehenden und nicht gemeinten Anspruch bezeichnet, soll hier „Postmoderne-Theologie“ verwendet werden. Die Großschreibung verunsichert den ersten Blick, liest man die Web-Adresse doch zunächst im Sinne von „postmoderne Theologie“. Das ist nicht falsch. Doch kann eine „postmoderne Theologie“ immer nur ein Schritt in einer dialogischen Dialektik sein, die aus der Theologie kommt, sich mit der Postmoderne als einem Ort der Gegenwart auseinandersetzt, darin aber letztlich das letzte Wort behält. Nach der Postmoderne kommt die Theologie.

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