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Pro-Vokation der Theologie?
Eine Skizze des Denkens von Jacques Derrida.
Joachim Valentin
[Der Text ist erschienen in der Herder Korrespondenz 3/2004]
Einleitung
Bis vor einigen Jahren zuckten deutsche Theologen noch gelangweilt oder
fragend mit den Schultern, wenn ihnen der Name Jacques Derrida genannt
wurde. Das Denken des an Nietzsche, Freud, Saussure, Husserl und Heidegger
geschulten französischen Sprachphilosophen algerisch-jüdischer
Herkunft war ebenso wie in der deutschsprachigen Philosophie entweder
unbekannt oder als ‚postmodern‘ und damit relativistisch verpönt.
Spätestens jedoch seitdem einige jüngere Publikationen Derridas
deutlich machten, dass seine eher verborgenen Hinweise auf die Relevanz
der Gottesfrage und eine Thematisierung seiner jüdischen Herkunft
im Frühwerk keine Ausrutscher des gerne als ‚atheistisch‘
bezeichneten Denkers gewesen zu sein schienen, gewann er – freilich
nicht als Religionsphilosoph, aber doch als kritischer Interlokutor des
von innen und außen vielfältig angefragten theologischen Diskurses
– an Interesse. Die Verleihung des Theodor W. Adorno-Preises der
Stadt Frankfurt, Ende September 2001, tat ein Übriges, um den ‚Poststrukturalisten‘
in jüngerer Zeit zumindest für den Fußnotenapparat theologischer
Publikationen salonfähig werden zu lassen.
Biographie
Jacques Derrida wurde 1930 als Mitglied der jüdischen Gemeinde
in El-Biar, Algerien, beschnitten. Wenn er auch selbst nicht explizit
in die jüdische Religion eingeführt wurde, also kein Hebräisch
oder Aramäisch lernte, so erlebte er doch bereits in seiner Jugend
hautnah, die Auswirkungen der Rassengesetzes des Vichy-Regimes in Algerien
auf sein jüdisches Umfeld. Die damalige Ausgrenzungserfahrung wurde
wegweisend für seine philosophische Arbeit und eine späte Annäherung
an bestimmte Fermente jüdischer Religion. Schon früh, im Alter
von 19 Jahren, ging er 1949 nach Frankreich. Nach einem Studium an der
Pariser École Normale Supérieure und an der Harvard University
promovierte er mit der Arbeit “De la grammatologie” (J. Derrida,
De la grammatologie, Paris 1967, dt.: Grammatologie, Frankfurt a.M. 1974),
einer frühen, semiologisch akzentuierten Systematisierung seines
Denkens. Nach seiner Assistenzzeit und einer Professur an der École
Normale Supérieure wurde er 1983 Gründungsdirektor des Collège
international de Philosophie. Seit 1984 ist er Directeur de Recherche
an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
Derrida hat eine ständige Gastprofessur an der University of California,
Irvine.
Dekonstruktion
Derrida müsste eigentlich eher als Texttheoretiker oder einfach
als Leser, denn als Philosoph bezeichnet werden. Als Bezeichnung für
sein Lektüreverfahren, das man nicht eigentlich eine Methode nennen
kann, hat sich der Begriff déconstruction, also Rück- und
Aufbau oder ‚kritisches Offenlegen einer nicht unmmittelbar zugänglichen
konstitutiven Textstruktur‘, eingebürgert, wurde gar eingedeutscht
und fand auch Eingang in andere Disziplinen, vor allem die Architektur.
Unter anderem auch der Neubau des Bonner Bundestages, das Jüdische
Museum in Berlin, aber auch das Dresdener St. Benno-Gymnasium sind im
‚dekonstruktivistischen‘ Baustil erbaut. Die genannten Bauten
zeichnen sich – ähnlich wie Derridas Texte – weniger
durch eine bloß beliebige, also im schlechten Sinne ‚postmoderne‘
Zitation verschiedener Baustile oder gar destruktive Züge aus, als
vielmehr durch die meist halsbrecherisch wirkende Auslotung der Möglichkeiten
von Material und Statik, durch eine Vermeidung konventioneller architektonischer
Ordnungsprinzipien wie des rechten Winkels, funktionaler Raumstrukturen
und Größenverhältnisse. Dekonstruktivistische Bauten sind
so vor allem eine Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit von
Architektur überhaupt und damit ein Abenteuer nicht nur des Schauens,
sondern auch des Denkens. Sie wirken wie hingeworfen, als könnten
sie jeden Moment zusammenbrechen und gewähren doch beim Abschreiten
ungeahnte neue Einblicke.
Literaturwissenschaftlich betrachtet, bezeichnet die Dekonstruktion ein
Verfahren der Textbearbeitung, das in seiner Intention auf Martin Heidegger
zurückgeht: Dieser zielte in seinem Hauptwerk Sein und Zeit eine
“Destruktion des überlieferten Bestandes der antiken Ontologie”
am Leitfaden der Seinsfrage an, um so erneut Zugang zu den “ursprünglichen
Erfahrungen” zu erlangen (Sein und Zeit, 22), die durch das ungerechtfertigte
Postulat einer totalen Präsenz oder ungebrochenen Einheit immer wieder
verstellt worden seien. Die Dekonstruktion befragt einen Text nach den
hochindividuellen Bedingungen der Möglichkeit seiner Entstehung.
Diese sollen sich offenbaren auf dem Wege einer genauen, nicht selten
talmudisch wirkenden Analyse der konstitutiven, im Text aber verschwiegenen
Hierarchien, binären Zuordnungen, Vorlieben und Vermeidungen des
Autors. Insbesondere laufen die traditionellen Dualismen dessen, was Derrida
“Metaphysik” oder “Ontotheologie” nennt: Zentrum
- Peripherie, Geist - Materie, Transzendenz – Immanenz, Gefahr,
einer Verstellung von Realität durch im schlechten Sinne idealistische
Vereinseitigungen Vorschub zu leisten.
An Stelle jeder letztlich doch wieder in dieser dualistischen Ordnung
gefangenen ursprünglichen Einheit setzt Derrida das Kunstwort différance.
Die Einfügung des grammatisch eigentlich falschen a in das französische
différence markiert die Anwesenheit des Anfangs und der Einheit
in der Differenz und damit ein Jenseits der binären Spaltung von
Denkmodellen, die sich “dogmatisch” entweder auf ein Primat
der Einheit oder der Differenz berufen. Ein anderer entscheidender Begriff
für Derridas Denken eines ‚anfanglosen Anfangs‘, eines
Jenseits der Sprache, ist die Spur (la trace), ein von Martin Heidegger
und Emmanuel Levinas entlehnter Terminus. Er beschreibt das Phänomen
einer Verwiesenheit auf das vollkommen unstrukturierte “Voraus”
der différance, aus dem sich ein jeweils vorläufiger und immer
neu über- und einzuholender Begriff von Einheit ‚zuschickt‘.
Die enge Verklammerung von Subjekt- und Gottesrede, die in Derridas Beschreibungen
der différance und der Spur vor Augen tritt, verweist auf Levinas‘
Rede von Ethik als Erster Philosophie. Derrida nennt den Begriff der Spur
auch “ultratranszendental” (Vgl. dazu u.a. Grammtologie, Frankfurt
a.M 1972, 82).
Neben dieser ethische Valenz, die Derridas Denken in die Nähe zur
Kritischen Theorie aber auch prophetischer Traditionen rückt, weist
es einen ausgesprochen ambitionierten Wahrheitsbegriff auf. Die ‚Fiktion‘
eines restlosen Aufgehens auch verdrängter ‚Realität‘
im Text treibt zu einer potentiell endlosen Kette kritischer Befragungen
an, die in ihrem Drang, unvollkommene Versionen zu übersteigen und
auch die eigene Begrifflichkeit immer neu einer scharfen Kritik zu unterziehen,
ja, gegebenenfalls zu verwerfen, an die Tradition der Negativen Theologie
erinnert. In dem Sinne, daß die Texte Jacques Derridas im nahezu
endlosen Abschreiten der Möglichkeiten menschlicher Sprache nicht
zur Ruhe kommen, kann von der Dekonstruktion als einer impliziten Theologie
gesprochen werden. Ihre zentrale Intention liegt in einer Offenlegung
der Beschränktheit menschlicher Ausdrucksformen angesichts eines
außersprachlichen Absoluten, das zwar nicht propositional ausgesagt
werden kann, sich aber in einem potentiell unabschließbaren Prozeß
teilweise paradoxer Zuweisungen immer neu zur Sprache bringt.
Derridas sogenannte ‚ethische Wende‘
Zu Recht wurde J. Derridas aus Strukturalismus und Phänomenologie
erwachsenes Frühwerk vor allem in den Medienwissenschaften rezipiert.
Waren es doch “Aufschreibsysteme”, die unter dem Vorzeichen
einer seit Platon unterprivilegierten “écriture” im
Fokus seines Denkens standen. In programmatischen Schriften wie Die différance
(in J. Derrida: Randgänge der Philosophie. Wien 1999, 31-56), Fines
hominis (Ebd. 133-158), Ulysses Grammophon (Berlin 1988) wurden sie mit
deutlich hörbarem subjektkritischem Unterton als in ihrer Textualität,
also Materialität gleichursprüngliche Sinnproduzenten dem Geist
an die Seite gestellt. In der Folgezeit hat Derrida sein amorphes Theoriegebäude
allerdings – nicht zuletzt unter Einfluß von Emmanuel Levinas
(vgl. HK, März 1996, 146ff.) – ergänzt um Reflexionen
auf die literarische Form Negativer Theologie (Wie nicht sprechen. Verneinungen.
Wien 1989; Über den Namen. Drei Essays. Wien 2000) eine “Ethik
der Gabe”( Falschgeld. Zeit geben 1. München 1993; Den Tod
geben. In: A. Haverkamp (Hg.): Gewalt und Gerechtigkeit. Derrida - Benjamin.
Frankfurt a.M. 1994, 331-445), um Reflexionen über den Religionsbegriff
(J. Derrida/G. Vattimo: Die Religion. Frankfurt a.M. 2001), das Judentum
(Circonfession, in Jacques Derrida. Ein Portrait von Geoffrey Bennington
und Jacques Derrida. Frankfurt a. M. 1994; Zeugnis – Gabe. Interview
m. E. Weber. In Dies. (Hg.): Jüdisches Denken in Frankreich. Gespräche
mit Jacques Derrida, Emmanuel Levinas u.a. Frankfurt a. M. 1994, 63-90.),
Vergebung (Jahrhundert der Vergebung. Verzeihen ohne Macht – unbedingt
und jenseits der Souveränität. In: Lettre International 48,
10-18) die Apokalypse (Apokalypse. Wien 1985) und schließlich auf
ein Messianisches ohne Messianismus (Marx’Gespenster. Frankfurt
a.M. 1995), ohne sich von den “essentials” seines Denkens
zu verabschieden oder gar eine “Kehre” zu vollziehen. Die
neueren Entwicklungen seines Werkes sind eher als Hinwendungen zu neuen
Themen und Texten zu lesen, wenngleich insgesamt durchaus ein Zurücktreten
sprachphilosophischer zugunsten ideenpolitischer und ethischer Fragestellungen
zu beobachten ist.
Theologische Anknüpfungspunkte
Neben der eher allgemeinen Herausforderung, die in der Entwicklung einer
radikal kritischen Texttheorie wie der Dekonstruktion liegt und den damit
verbundenen impliziten Anfragen an ein immer drohendes Abgleiten des christlichen
Gottesbegriffs in Metaphysik, konzentriert sich die Provokation die das
Derridaschen Denken in jüngerer Zeit für eine zeitgenössische
Theologie darstellt, vor allem auf zwei Brennpunkte seiner Arbeit: Seine
philosophische Rekonstruktion des Judentums und seine Reflexionen zur
Negativen Theologie.
Judentum
Derridas Verhältnis zum Judentum ist kein einfaches und kein unmittelbares.
Wie könnte es anders sein bei einem Denker, zu dessen wesentlichsten
Gedanken die Nachträglichkeit, die sinnverschiebende Wiederholung,
die Dekonstruktion und die différance gehören? Derrida hat
nie in einem ‚autonomen Akt‘ das Judentum als seine Identität
ergriffen, vielmehr scheint er in immer neuen Anläufen der Lektüre
und des Schreibens nachträglich von ihm ergriffen worden zu sein.
Derrida situiert allerdings dort, wo er das ‚Datum‘, die ‚Beschneidung‘
und ‚Verwundung‘ zum Thema seiner Überlegungen macht,
sein Schreiben mehr als nur implizit in der jüdischen Tradition.
Darüber hinaus nähert er sich von Beginn seines Schaffens an
mit seiner ausdrücklich nur schwach formalisierten Praxis dekonstruktiver
Lektüren und dem damit implizierten Schriftbegriff der zentralen
Stellung der Schrift und ihres Kommentars in der jüdischen Tradition
an. Außerdem findet das Anliegen Derridas, das abendländisch
dualistische Weltbild und Denken zugunsten der Paradoxie aufzubrechen,
ganz allgemein seine Parallele in einem Hauptmerkmal des jüdischen
Denkens: dem Zusammendenken scheinbar kontradiktorischer Begriffe. Auch
der historisch verortete Akt der (jüdischen) Offenbarung verbindet
ja Transzendenz (Gott) und Immanenz (Israel); im Bundesverständnis
fließen Ethnizität (Volk Israel) und Religiosität (Glaube/Praxis
Israels) zusammen, werden in ihrer partikularen Besonderheit (Bund Gottes
mit Israel) mit universaler Bedeutung (Gott und Mensch/Welt) versehen
und verketten im Ergebnis Geschichte und Glauben unauflösbar miteinander.
Später ist dann der Auserwähltheitsglaube des jüdischen
Volkes – autobiographisch markiert durch die Beschneidung –
für Derrida Anlass, die Möglichkeit von Zugehörigkeit und
die Legitimität des Auserwähltheitsgedankens überhaupt
zu diskutieren. Jacques Derrida bewegt sich in einem explizit biographisch
orientierten Schreiben an der Grenze zwischen Judentum und Griechentum
und führt diese Grenze damit in einer Weise neu in den “abendländischen”
Diskurs ein. Dies geschieht in einer Weise, die einem von der Katastrophe
der Shoah endgültig herausgeforderten Christentum nicht gleichgültig
sein kann und bekannte Vereinseitigungen dieser Debatte etwa im Sinne
einer Rejudaisierung des Christentums von Beginn an vermeidet: “Sind
wir Juden? Sind wir Griechen? Wir leben im Unterschied des Jüdischen
und des Griechischen, der vielleicht die Einheit dessen ist, was wir Geschichte
nennen.” (Die Schrift und die Differenz. Frankfurt 1976, 234
Gerade in Derridas frühem Werk finden sich Spuren für eine freilich
fragmentarische Wahrnehmung des Judentums. Zunächst begegnet dem
Leser eine Aufmerksamkeit für Autoren, die als explizit jüdische
Denker benannt werden können, wie Edmond Jabés, Emmanuel Levinas
und Paul Celan. Die Arbeit der genannten Autoren ist gekennzeichnet von
der Einforderung einer schier unmöglichen Gerechtigkeit angesichts
des anderen Menschen und von einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber
der mindestens von Platon bis Heidegger ungebrochenen Tradition abendländisch-metaphysischen
Denkens. Als jüdische Autoren in Europa nach Auschwitz ist außerdem
die Frage der Trennung zwischen Innen und Außen ein bestimmendes
Thema. Eine Trennung, die immer wieder den Juden, die Jüdin als Fremde,
als Außenseiter charakterisiert und exiliert hat.
Derridas Verständnis der Schrift hat zu Beginn seiner Arbeit vielfach
Irritationen ausgelöst. Angesichts ihrer aktuellen Bedeutsamkeit
in Zeiten der Computerprogramme und der Gentechnik will er sie anders
als Platon als ‚gleichgeborenen Bruder‘ der mündlichen
Rede begreifen. Dieses Denkmodell scheint sich nicht nun nur aus der strukturalistischen
Sprachtheorie Ferdinand de Saussures zu entwickeln, sondern ebenso dezidiert
aus dem durch die genannten Autoren transportierten jüdischen Schriftverständnis.
Derridas Vorstellung eines Primates der Schrift vor jeder Form der Anwesenheit
und Identität findet ihren vielleicht treffendsten Ausdruck zunächst
in der literarischen Form des talmudischen Textes – eine von innen
nach außen konzentrisch aufgebaute Abfolge von Kommentaren. In enger
Verbindung dazu stehen offenbarungstheoretische Überlegungen zu einem
Gott, der in der jüdisch / kabbalistischen Tradition immer schon
in Verbindung mit der Tora, einem Schriftkonvolut, gedacht wird. Diesen
Gedanken hat Derrida explizit vor dem Hintergrund des heimatlos im Exil
lebenden Juden bzw. Rabbiners entwickelt, wie er bei Edmond Jabès
erscheint. An diesen drei Dimensionen jüdischen Textgeschehens: Primat
der (kommentierenden) Schrift, dem in der Schrift sich gleichzeitig offenbarenden
und verhüllenden Gott und dem exilierten Schriftkundigen / Gläubigen
orientiert sich auch die Derridasche Dekonstruktion. Der ebenfalls in
jüdischem Kontext entwickelte Gedanke einer Heiligkeit der Schrift
gerät dabei zur Interpretament jener “Bruchstücke der
zerbrochenen Tafeln” eines für Derrida unwiederbringlich verlorenen
Ursprungs, zwischen denen “das Abenteuer des Textes als vogelfreies
Unkraut” der Poesie anhebt und “das Recht zur Rede Wurzel
faßt [...] weit von der ‘Heimat der Juden’ entfernt,
die ‘ein heiliger Text inmitten der Kommentare’ ist”
(Die Schrift und die Differenz, 105).
In einem zweiten Anlauf thematisiert Derrida seine eigene unklare Zugehörigkeit
zum Judentum als exemplarisch: Wenn es ein jüdisches Wesen gibt,
so ist es – in Derridas Augen – durch die Unmöglichkeit
einer endgültigen Identifzierbarkeit gekennzeichnet. Andererseits
bedeutet jede Beschneidung eine strukturelle Verletzung der (männlichen)
Identität. Das Judentum bezeichnet also auf mehreren Ebenen eine
Unfähigkeit zur rückhaltlosen Affirmation, zur endgültigen
Fest-Stellung der eigenen Identität, die einen gewissen abendländischen
Grundkonsens, eine angenommene Harmonie zwischen Griechischem und Jüdischem
auf dem Boden neuplatonischen Denkens und deren Erbe, das Christentum,
in gewisser Weise herausfordert.
‚Judentum‘ wird bei Derrida zu einem der Synonyme für
jenen Raum, den zu umkreisen und neu zu benennen die Dekonstruktion immer
schon aufgebrochen ist. Es ist dabei zunächst von einem idealtypischen
Gebrauch der Zuweisung des Terminus ‚Judentum‘ als Marginalisiertes,
sich Hingebendes, der Schrift verfallenes, immer ambivalentes Phänomen.
In diesem Sinne kommt dem Judentum eine Orientierungsfunktion für
eine Welt zu, ist seine Auserwähltheit doch von universeller Bedeutung.
Derrida scheut sich jedoch in jüngerer Zeit auch nicht, politische
Konsequenzen dieser Denkbewegung zu nennen: Sobald nämlich jüdische
Institutionen, religiöse oder staatliche, den in diesem Sinne gefassten
Auserwähltheitsgedanken als Instrument der Selbstermächtigung
gebrauchen, haben sie mit seiner scharfen Kritik zu rechnen. (Das Wort
vom Empfang. In: J. Derrida: Adieu. Nachruf auf Emmanuel Levinas. München
1998, 31-170).
Negative Theologie
Spätestens seit der Religionskritik Ludwig Feuerbachs und ihrer
Verschärfung bei Karl Marx und Sigmund Freud ist die positiv von
Wundern, Unsterblichkeit und einem allmächtigen Gott sprechende Theologie
in den Verdacht geraten, zur Verblendung und Entmündigung der breiten
Massen beizutragen. Der Verdacht stützt sich auf den Vorwurf, daß
sie heimliche Wunschträume des Menschen, Menschheitsutopien von Glück,
Macht und Stärke auf die Autorität von Offenbarung gestützt
als verwirklicht oder doch verwirklichbar propagiert. Der Gott dieser
Theologie wurde zu Recht als selbstgemacht, also keineswegs transzendent,
und der Verstellung des Antlitzes Gottes als eines Anderen durch geschickt
getarnte Projektionen eines selbstsüchtigen Subjekts entlarvt.
Leider hat diese Religionskritik gleichzeitig zu einer Verächtlichmachung
der Religion im Ganzen geführt sowie dazu, dass Theologie aus dem
wissenschaftlichen Diskurs ebenso weitgehend ausgeschlossen wurde, wie
einst die Wissenschaft des Judentums aus der Altertumswissenschaft und
wie der Gottesgedanke aus den neuzeitlichen Welterklärungstheorien.
“Einer inhaltslos gewordenen leeren Transzendenz steht eine gehaltlose,
eindimensionale, leere Immanenz gegenüber; einem weltlosen Gott entspricht
eine gottlose Welt. Mystik und Rationalismus bzw. Positivismus sind [...]
zwei Seiten einer Medaille.” (W. Kasper, “Atheismus und Gottes
Verborgenheit in theologischer Sicht”, CGG, XXII, 32-57, 43).
Der breite Strom abendländischer Texte und Traditionen beherbergt
mit dem Bilderverbot, einem bereits aufklärerisch zu nennenden weil
götzenkritischen Gesetz, und der seit Dionysios Areopagita ausdrücklich
so benannten Negativen Theologie wirksame ‘Gegengifte’ gegen
das Auseinanderdriften von haltloser Jenseitsspekulation und leerem Rationalismus.
Beides spielt nicht nur im Kontext jüdischer oder plotinischer Philosophie,
sondern nicht zuletzt vermittelt durch Cusanus, Meister Eckhart oder Immanuel
Kant auch noch bei Denkern des 20. Jahrhunderts wie Heidegger und Adorno
eine wesentliche Rolle. Mit seinem Nachdenken über Negative Theologie
am Kreuzungspunkt von kataphatischer und apophatischer Theologie, von
Mystik und Aufklärung hat nun Derrida einen weiteren wichtigen Berührungspunkt
zum theologischen Diskurs geliefert. “Die Dekonstruktion [...] wurde
– überstürzt – für eine Form der negativen
Theologie gehalten (das war weder richtig noch falsch)” (Letter
to a Japanese Friend, in D. Wood / R. Bernasconi (Hg.): Derrida and Differance.
Evanston, Ill. 1988, 3). So charakterisiert Derrida selbst bereits vor
seiner ersten ausführlichen Bezugnahme auf Negative Theologie in
Wie nicht sprechen. Verneinungen das offene, aber nicht beziehungslose
Verhältnis zwischen seinem Denken und einer – ebenfalls idealtypisch
gedachten – Negativen Theologie. Es kann dabei nicht darum gehen,
das Derridasche Denken als Abart der Gattung “Negative Theologie”
zu enttarnen, sondern darum zu zeigen, daß mit Hilfe seiner Lektüren
die ‚negative‘ als Dekonstruktion der ‚affirmativen‘
Theologie verstanden werden kann. Damit wird negative Theologie als Voraussetzung
und beständige Sprengung jedes systematischen Abschlusses der Rede
von Gott (und vom anderen Menschen) verstanden, insofern sie dringlich
auf ethische Praxis und Gebet verweist – ein Anliegen, das Derrida
in gewisser Weise mit dem späten Karl Rahner teilen dürfte (Karl
Rahner: Erfahrungen eines katholischen Theologen, in: Karl Lehmann: Vor
dem Geheimnnis Gottes den Menschen verstehen. Karl Rahner zum 80. Geburtstag,
Freiburg1984, 105-135).
Schluss
“Wenn ich [kritisch] von einer Ontologie der Souveränität
spreche, so beziehe ich mich unter dem Namen Gottes auf den einen Gott,
auf die Bestimmung einer souveränen, also unteilbaren Allmacht. Wo
freilich der Name Gottes an anderes denken ließe, etwa an eine verletzliche,
leidende und teilbare, sogar sterblicher Nichtsouveränität,
die imstande wäre sich zu widersprechen oder zu bereuen (ein Gedanke,
der weder unmöglich noch beispiellos ist), läge ein ganz anderer
Fall vor, vielleicht der eines Gottes, der sich bis in seine Selbstheit
hinein dekonstruiert.”
Dieses einer der jüngsten deutschen Übersetzungen Derridas entnommene
Zitat (Schurken, Zwei Essays über die Vernunft Frankfurt 2003, 213)
macht in besonderer Weise deutlich, in welcher Weise er sich einer Theologie
zu nähern bereit ist, die sein Denken doch immer nur als einen Anstoß
(frz. coup) aufnehmen und in Kritik und Selbstkritik zurückgeben
kann. Derrida verweist auf interne Differenzen bzw. Dynamiken –
wie etwa der zwischen dem hilflos leidendem Gekreuzigten und dem mit den
Mitteln griechischer Philosophie als absoluter Geist hervorgedachten Gott
–, die die Theologie immer schon vorangetrieben haben und die gleichzeitig
immer drohten von pazifizierenden Formeln überdeckt zu werden. Wenngleich
die Vorstellung eines widersprüchlichen oder reuigen Gottes auch
kaum in christlicher Theologie ihre Heimat finden wird, könnte es
dennoch erhellend sein, Religion mit Derrida als jenes zu begreifen was
zwischen Glauben und Wissen, Messianismus und Chora, Glaube und Sakralität,
Judentum und Griechentum “in einem reaktiven Antagonismus eingebettet
ist und was gleichzeitig in einer überbietenden wiederholten Selbstbehauptung
besteht. [...] Wir haben es folglich mit einem gewissen Fehlen des Weges,
der Bahn des Ausgangs, des Heils zu tun – und mit zwei Quellen.”
(Glaube und Wissen. Die beiden Quellen der Religion an den Grenzen der
bloßen Vernunft, in: Jacques Derrida/Gianni Vattimo: Die Religion,
Frankfurt 2001, 9-106, 11). Und man möchte ergänzen: Überall
dort, wo diese Aporie geleugnet und zugunsten des Glaubens, der Sakralität,
des Messianismus oder des Griechentums enggeführt wird, ist Religion,
besonders die christliche, in Gefahr.
Dass ein Aushalten dieser und anderer Spannungen nur von einem Jenseits
der Sprache gelingen kann, das alle irdischen Dualismen, selbst den von
Einheit und Differenz noch einmal umgreift, könnte im Gespräch
mit Derrida auch innerhalb eines theologischen Diskurses je neu durchdacht
werden. Dass sich die Theologie in Derridas Augen vornehmlich im Gebet
vollzieht, lässt aufhorchen und erinnert an die alte Sitte, theologischen
Traktaten ein Gebet voranzustellen. Das Gebet will keine Aussage über
Gott machen, hat nicht die Absicht, das überwesentliche Wesen als
Überwesentliches ans Licht zu bringen spricht nicht ‚von‘,
sondern ‚zu‘. Es geht der theologischen Reflexion nicht nur
in einem zeitlich-räumlichen, sondern auch in einem “logischen”
Sinne voraus, denn die Anrede an ein Du antwortet auf einen Ruf, eine
Spur, welche Autonomie und Verantwortung erst begründet (Vgl. Wie
nicht sprechen. Verneinungen. Wien 1989, 56 u. 76f).
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