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Vom UnSagbaren sprechen.Postmoderne Sprachprobleme und theologische ErkenntniswegeChristan Bauer und Peter Hardt [„Ein theologisch äußerst origineller Beitrag!“
(Ulrich Engel OP, in: Wort und Antwort 3 (2003) 142.)] Abstract:
QuaestioIst die Theologie als Kunst, vom UnSagbaren zu sprechen mit postmoderner Erkenntniskritik vereinbar? Ad primum Postmoderne Erkenntniskritik geht zunächst von einer
negativen Antwort aus: ihr dekonstruktiver Gestus ist zumeist
mit der Ablehnung eines letzten Grundes verbunden. Die Postmoderne
steht gegen jedes Sprechen, das auf dem Weg letztbegründender
Metatheorien ontologische Weltdeutungen liefern will, kurz:
gegen jeden metaphysischen Diskurs. Und ist nicht die Theologie
über Jahrhunderte eine Trägerin der Metaphysik gewesen?
Ist nicht ihre Rede von Gott eine große Erzählung,
die jedem Ding ihren Platz in einer metaphysischen Ordnung
zuweisen möchte? So jedenfalls lautet der Vorwurf von
Jean-François Lyotard. Sed contraGegen die postmoderne Ablehnung der Theologie als einer zu dekonstruierenden Metaerzählung sollen im Folgenden strukturelle Ähnlichkeiten beider Diskurse in das Blickfeld gerückt werden. Lyotards theologiekritischem Standpunkt sind jene Texte aus dem kulturellen Gedächtnis der christlichen Tradition entgegenzuhalten, die in sich eine “gefährliche Erinnerung” bergen, welche mit postmoderner Erkenntniskritik durchaus kompatibel ist. Diese Texte sind wie trojanische Pferde intellektueller Subversion, die sich in die Festung des theologischen Diskurses hineinrollen lassen. Einen dieser von kirchlichen Hierarchien gerne übergangenen, aber gleichwohl zur authentischen Tradition der Kirche gehörenden Texte, stellt die Analogielehre des IV. Laterankonzils von 1215 dar, welche die folgende Grundregel aller Rede von Gott festschreibt: »[…] zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine noch so große Ähnlichkeit feststellen, als dass zwischen ihnen nicht eine je größere Unähnlichkeit festzustellen wäre« (Denzinger 1999: Nr. 806). Der Begriff der Ähnlichkeit verweist auf Spuren Gottes in der Schöpfung: wenn man Gott sucht, muss man sich an die Welt halten. Der zentrale Komparativ einer “similitudo in maiore dissimilitudine” postuliert jedoch bei aller bleibenden Ähnlichkeit von Gott und Welt die je größere Unähnlichkeit eines “Deus semper maior”. Seine prinzipielle Unähnlichkeit sprengt sozusagen “per definitionem” den Zusammenhang innerweltlicher Analogien. Diese beiden gegenläufigen Denkbewegungen von positiver Konstruktion und negativer Dekonstruktion kommentierte Karl Rahner, als einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts eine Art “Kirchenvater der Moderne”, folgendermaßen: »Das vierte Laterankonzil sagt ausdrücklich, man könne über Gott von der Welt aus, also von jedwedem denkbaren Ausgangspunkt der Erkenntnis aus, nichts […] sagen, ohne dabei eine radikale Unangemessenheit dieser positiven Aussage […] anzumerken. Aber im praktischen Betrieb der Theologie vergessen wir […] meistens, dass eine solche Zusage nur dann […] von Gott ausgesagt werden kann, wenn wir sie gleichzeitig auch immer wieder zurücknehmen, die unheimliche Schwebe zwischen Ja und Nein als den wahren und einzigen festen Punkt unseres Erkennens aushalten und so unsere Aussagen hineinfallen lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes selber « (Rahner 1984: 106f.). Auch wenn die Theologie beim Sprechen über das Unsagbare über Jahrhunderte den Mund häufig ein wenig zu voll genommen hat, so wussten wirklich große Gottesdenker immer um die je größere Undenkbarkeit Gottes in der “Schwebe zwischen Ja und Nein”. Anselm von Canterbury formulierte diese theologische Grundeinsicht im Modus des Gebets: »Gott, du bist nicht nur größer als alles, was gedacht werden kann, sondern auch größer, als dass du überhaupt gedacht werden könntest« (vgl. Anselm 1966: 225). Da nach Thomas von Aquin demzufolge die »äußerste Möglichkeit der menschlichen Erkenntnis von Gott [darin besteht], dass der Mensch weiß, dass er von Gott nichts weiß, insofern er erkennt, dass das, was Gott ist, alles überschreitet, was wir von ihm erkennen« (Thomas 1980: 244), konnte Nikolaus von Kues an der Schwelle zur Moderne die Theologie als Docta ignorantia (Cusanus 1964-1977) im Sinne eines gelehrten Nichtwissens von Gott bezeichnen. Diese auch von Dionysius Areopagita und Meister Eckhart repräsentierte christliche Traditionslinie der sogenannten Negativen Theologie besagt, dass Gott sich als das tiefste Geheimnis der Welt grundsätzlich im Außen menschlicher Erkenntnis befindet. Auf diesen “subversiven” Seitenstrang der Theologiegeschichte, dem im dekonstruktiven Gestus der Analogielehre des IV. Laterankonzils sogar kirchenamtliche Weihen zuteil wurden, beziehen sich postmoderne Größen wie Jacques Derrida (Derrida 1989) oder Michel Foucault (Foucault 1987: 48f.) in überraschend direkter Weise. Die Negative Theologie steht damit insgesamt postmoderner Erkenntniskritik à la Lyotard erstaunlich nahe: alltagssprachliche Selbstverständlichkeiten werden zugunsten der Unähnlichkeit heterogener Diskurse aufgebrochen und an den Bruchstellen postmoderner Sprachspiele taucht die Unsagbarkeit universaler Erkenntnis auf. RespondemusPostmoderne und Theologie verbindet also in struktureller Perspektive mehr, als beide Seiten vermuten – und auch vermutlich zugeben würden! Diese verblüffende Strukturanalogie hängt mit der Unsagbarkeit der Dinge zusammen, von denen in beiden Diskursen die Rede ist: es wird über etwas geredet, wovon man nach eigener Aussage eigentlich gar nicht sprechen kann. Der Ariadnefaden eines direkten Zusammenhangs von Repräsentation und Interpretation, der die Welt der Moderne im Sinne einer adaequatio intellectus et rei noch zusammenhielt, ist im Labyrinth der Postmoderne unwiderruflich gerissen (Foucault/Deleuze 1977). Alle postmoderne Rede vom Unsagbaren jedoch ist selbst wiederum sprachliche Affirmation, insofern sie positiv diejenigen Grenzen absteckt, außerhalb derer Sprache ein notwendiges Ende findet. Ist aber nicht auch letztlich dies eine kontextuell bedingte, daher kontingente Kritik universaler Erkenntnis, die selber den von ihr gezogenen Grenzen unterliegt? Dieser performative Selbstwiderspruch der Postmoderne widerlegt keineswegs das unbedingt berechtigte Grundanliegen ihrer Erkenntniskritik, es zeigt vielmehr die zwingende Notwendigkeit ihrer weiteren Radikalisierung: die Notwendigkeit, die Sprache bis an ihre äußersten Grenzen zu treiben – dorthin, wo nach Wittgensteins Tractatus das Schweigen beginnen muss. In den dunklen Provinzen des Unsagbaren jedoch wird die
postmoderne Philosophie im Jenseits moderner Sprachprojekte
unvermutet auf eine alte Bekannte treffen: die christliche
Theologie. Auch sie versucht seit jeher in der Schwebe Positiver
und Negativer Theologie, in diesen unwirtlichen Gegenden begehbare
Pfade der Sprache zwischen Affirmation und Negation zu bahnen.
Postmoderne Denker wie Gianni Vattimo (Vattimo 1997), Jacques
Derrida (Derrida/Vattimo 2001) oder Emmanuel Lévinas
(Lévinas 1998) beweisen diese strukturelle Nähe,
doch Jean-François Lyotard hat sie im Grenzland
sprachlicher Schwebe am weitesten vorangetrieben: er lehnt
alle Absolutheit ab, mit der die Rede von Gott notwendig einhergeht
– und zwar unter Zuhilfenahme des Absoluten selbst.
Das Absolute erweist sich in Lyotards Denken als das Nicht-Darstellbare
im Außen der Erkenntnis, das sich prinzipiell gegen
jeden vergegenständlichenden Zugriff sperrt: es ist keine
metaphysische, jenseitige oder ontologische Größe,
sondern schlicht das absolute Außen menschlicher Sprachprojekte.
Lyotard zieht in seiner späten Schrift Ein Bindestrich
- Zwischen »Jüdischem« und »Christlichem«
Parallelen zum Bilderverbot des Judentums, demzufolge der
bilderlose Gott des Exodus als der ganz Andere erscheint,
dem keine sprachliche Darstellung genügt: »Ich
bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt
hat; aus dem Sklavenhaus. […] Du sollst dir kein Gottesbild
machen« (Ex 20, 2.4). »Geschrieben steht ‘Im Anfang
war das Wort!’ In der semantischen Verschiebung vom “Wort” über den “Sinn” zur “Kraft” bringt Goethe den endlosen Widerstreit sprachlicher Zeichen von Gott in bezeichnender Weise an einen vorläufigen Schlußpunkt, wenn er ihn auf dem weiten Feld der “Tat” enden lässt. Mit dieser Referenz auf die praktische Tat – hier: die schöpferische Tat Gottes – als “glaubwürdigstem” Gotteszeichen weist Goethe heutiger Rede von Gott einen Weg mitten hinein in das Gewimmel postmoderner Spiritualitäten und Praktiken, also hinein in den zeitgenössischen Plural handlungsleitender Welthaltungen und weltgestaltender Handlungsweisen. In der Logik pragmatizistischer Semiotik im Sinne Charles S. Peirces kann die Theologie dort mögliche Orte finden für eine – gemäß der “Pragmatischen Maxime” (Peirce 1935: 5.9) – wahre Rede von jenem »unbegreiflichen Geheimnis, das wir Gott nennen« (Rahner 1983: 380): die tätige Nachfolge Jesu Christi ist der gleichermaßen spirituelle wie praktische Boden aller Rede von Gott. Eine solche Nachfolge in der Spur Jesu von Nazaret realisiert sich in der kreativen Differenz von “Beten und Tun des Gerechten” (Dietrich Bonhoeffer), “Kampf und Kontemplation” (Frère Roger Schutz) oder “Mystik und Politik” (Michel de Certeau): während diese Spiritualitäten im Schweigen der Welt vor dem Geheimnis Gottes die Berührung mit dem suchen, wovon man nicht mehr sprechen kann, wollen jene Praktiken im Widerstand gegen Mächte und Gewalten in der Spur Jesu Taten sprechen zu lassen, wo Worte allein versagen würden. In der Differenz von Spiritualitäten und Praktiken christlicher Nachfolge geht es um eine doppelte Überschreitung des Innen eines Diskurses – hier: der theologischen Rede von Gott – auf sein Außen hin. Dieses Überschreiten eines diskursiven Innen auf dem Feld nichtdiskursiver Spiritualitäten und Praktiken, bietet möglicherweise auch der Postmoderne einen Weg aus ihren Aporien performativer Selbstwidersprüche. Jean-François Lyotard, Michel Foucault oder Jacques Derrida sind nicht denkbar ohne ein Mitdenken ihres praktischen Engagements für konkrete Probleme im Außen des Diskurses, die dem spirituell aufgeladenen »Postulat eines unbedingten Optimismus« (Foucault 1997: 117) folgen, das seinerseits diskursiv nicht weiter begründbar ist. Der theologische Erkenntnisweg der via eminentiae kann der Postmoderne somit dienen als Erinnerung an die Zukunft ihres eigenen Projekts, indem er sie aus den Sackgassen ihrer notwendigen Sprachprobleme hinausführt auf das Feld postmoderner Spiritualitäten und Praktiken: Was kommt nach der Dekonstruktion?
Der Text wurde veröffentlicht in dem Sammelband: |
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